Ein Netpher in Pakistan

Reisebericht von Klaus J. Stanek

Der gute Mann und das Heroin in Pakistan

Der kleine Erselen war erst fünf, als er seinen ersten Kontakt mit Heroin hatte. Seine Familie war arm und sein Vater kümmerte sich weder um ihn noch um seine Geschwister. Sie lebten irgendwo auf dem Land, abseits des Wohlstandes. Leisten konnten sie sich nichts. Sein älterer Bruder Ahmad gab ihm zuerst das "Blech", mit dem man Heroin rauchen konnte. Erst fand er Gefallen an dem fast reinen Stoff, schnell wurde er abhängig. An Schulausbildung war nicht zu denken. Heute ist er 17 und befindet sich als Patient in einem Rehabilitationzentrum von Dr. Mohammed Javaid, der neben der Polio-Klinik an anderer Stelle etwa 50 km nordöstlich von Islamabad auch eine Drogenentgiftungklinik betreibt.

 

Erselens Leben, das keins war

Erselen sieht weder glücklich noch gesund aus, sondern jünger, abgelebt und verängstigt. Seit zwei Monaten ist er hier - freiwillig - wie er sagt - denn er möchte von der Droge wegkommen und arbeiten gehen. Bereitwillig beantwortet er vor großer Runde meine Fragen, die auf Englisch gestellt und für ihn in Urdu übersetzt werden. Seine Antworten kommen auf Urdu leise, zurückhaltend und mit dem Blick auf den Boden. Englisch - wie fast jeder Pakistani - kann er nicht, wie so vieles nicht, was selbst seine Alterskameraden aus der einfachen Schicht beherrschen. Auch ist nicht klar, ob er mir die Wahrheit sagt oder nur das, von dem er denkt, was die Runde der Herren hören will. Warum wir hier sind und uns für sein Schicksal interessieren, versteht er nicht. Möglichst nicht auffallen will er, das hat er schon zu seiner Zeit als Junkie lernen müssen, um unauffällig an die Drogen zu kommen. Und gestohlen hat er, um sie sich leisten zu können, wenn er sie nicht geschenkt bekam. Und irgendwann ist Erselen bei Dr. Javaid angekommen. Wenn er viel Glück hat, kann er es schaffen. Seine Prognose liegt laut Dr. Javaid hoch, was keine Garantie ist. "Inshallah" meinte er, was soviel bedeutet, wie "Wenn Gott will...".

 

Die Klinik ist gegen die Sucht gesichert - sonst gibt es niemanden

Das Gebäude, in dem sich die Klinik befindet, ist hermetisch gesichert. Alle Fenster sind vergittert. Der Hof mit einer hohen Mauer umgeben und auf der Mauer befindet sich Stacheldraht in mehreren Schichten, damit keiner seiner Pfleglinge einfach verschwinden kann. Eine andere Möglichkeit hat Dr. Javaid nicht, weil er keine Mittel besitzt. Wenn ein Patient die Behandlung abbrechen möchte, kann der dies nach einem Gespräch tun und gehen, aber durch das Tor. So wird auch verhindert, dass Drogen in die Klinik verbracht werden.

 

Den Staat interessieren Drogenanhängige nicht

Staatlich Zuschüsse gibt es weder für Dr. Javaid, seine Mitarbeiter noch für den Betrieb der Klinik. Dr. Javaid ist zwar ein Idealist, dem das Wohl der Menschen am Herzen liegt und der die Behandlung seiner Patienten vollkommen kostenfrei anbietet, benötigt er Geld. Für ein Thema, wo sich die Regierung verweigert und kein Bewusstsein in der Bevölkerung herrscht, ist dies nicht einfach, aber er ist sehr bemüht. Auch Mitglieder seiner Familie hat er als Freiwillige eingespannt, die einzelne Aufgaben übernehmen. Und wenn er mal eine Spende aus dem Ausland bekommt, ist diese schnell verbraucht, wenn das nötigste fehlt. Neben Essen und Unterkunft benötigen seine Patienten medizinische und psychologische Betreuung, die er nicht alleine leisten kann.

 

Pakistan - nur Land des Drogenschmuggels?

Pakistan gilt aufgrund seiner Nähe zu Afghanistan als eines der Haupttransitländer für den Schmuggel von Heroin. Dabei ist Pakistan selber Anbaugebiet und gleichzeitig Abnahmestaat: Obwohl es nahezu kein Bewusstsein für jedwede Drogenthematik im Land gibt, steigt die Anzahl der Konsumenten stetig. Das Zeug ist billig und verfügbar.Die Politik reagiert nicht. Pakistan hat andere Probleme, so dass die Priorität für den Ansatz einer Drogenpolitik am untersten Rand der Prioritätenliste steht und somit als nicht existent betrachtet werden kann.

 

Entgiftungsplan - selbst gebaut

Für die Behandlung hat Dr. Javaid einen Plan, der sich an den internationalen Standards des klinischen Drogenentzugs orientiert. Zwei Wochen werden die Abhängigen entgiftet, um sie medizinisch überhaupt auf eine Grundlage zu stellen. Sollten Patient länger brauchen, wird ihm das bis zu vier Wochen gewährt. Im unmittelbaren Anschluss beginnt die psychologische Betreuung, Einzelgespräche, Gruppentherapie, Supervisionen.

Eine Behandlung dauert so lange wie in Deutschland

Nach drei Monaten wird der Patient entlassen, auch Erselen. Aber was passiert, wenn sich der Patient noch nicht bereit fühlt oder was macht er draußen? Wenn ein Süchtiger nicht stabil ist und noch Zeit braucht, so wird nach Rücksprache mit den Arzt der Aufenthalt um einen Monat verlängert und das Team von Dr. Javaid kümmert sich auch um einen Arbeitsplatz, wenn sie denn einen finden. Aber sie bemühen sich und das hat Erselen nich nie erlebt, dass ihm jemand Wärme und Geborgenheit gab oder sich für ihn interessierte. Im Anschluss kann der Patient wiederkommen, um zu sprechen. Oder er bekommt Besuch aus der Klinik, um den Behandlungserfolg zu sichern.

 

Geringere Rückfallquote

Dr. Javaid meinte etwas betrübt, dass jeder zweite Patient rückfällig würde. Als ich ihm die  Rückfallzahlen aus den Industrieländern sagte, die bei 80% oder höher liegen, lächelte er und ich denke, er war ein bisschen stolz. Für mich ist er der gute Mann von Pakistan.

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